Erfolgsgeschichte

Tallinn

Warum Tallinn sein Trolleybussystem mit IMC statt Batteriebussen modernisiert

29.06.2026

Tallinn, die Hauptstadt Estlands mit rund 460.000 Einwohnern, verfolgt das Ziel, den öffentlichen Verkehr bis 2035 schrittweise emissionsfrei zu gestalten. Das kommunale Verkehrsunternehmen Tallinna Linnatransport AS (TLT) betreibt Straßenbahnen, Stadtbusse sowie das einzige Trolleybussystem des Landes. Seit seiner Inbetriebnahme 1981 bildet dieses Netz einen wichtigen Bestandteil des öffentlichen Verkehrs. Nach mehr als vier Jahrzehnten erreichten jedoch sowohl die Fahrzeugflotte als auch große Teile der Fahrleitungs- und Energieinfrastruktur das Ende ihrer technischen Lebensdauer.

Vor diesem Hintergrund stand Tallinn vor einer grundlegenden Systementscheidung. Neben einem vollständigen Umstieg auf depotgeladene Batteriebusse wurde die Modernisierung des bestehenden Systems mit In Motion Charging (IMC) untersucht. Bewertet wurden nicht nur Fahrzeuge, sondern Infrastruktur, Energieversorgung, Netzanschlüsse, Betrieb, Wartung und Lebenszykluskosten.

Die Analysen führten zu einer Neubewertung der bestehenden Oberleitungsinfrastruktur. Moderne IMC-Trolleybusse ermöglichen das kontinuierliche Laden während der Fahrt und verbinden den energieeffizienten Fahrleitungsbetrieb mit der Flexibilität batterieelektrischer Fahrzeuge. Damit wurde aus einer notwendigen Erneuerung eine langfristige Systementscheidung.

Die Entscheidung

Tallinn entschied sich nach einer umfassenden Bewertung verschiedener Elektrifizierungsstrategien gegen den vollständigen Ersatz des Trolleybussystems. Ausschlaggebend war die Erkenntnis, dass die vorhandene elektrische Infrastruktur einen erheblichen langfristigen Wert besitzt. Die Stadt modernisiert deshalb ihr bestehendes System mit IMC-Trolleybussen, welche den Großteil ihrer Energie während der Fahrt aus der Oberleitung beziehen und Batterien gezielt auf oberleitungsfreien Strecken einsetzen.

Parallel werden Oberleitungen, Unterwerke und Betriebseinrichtungen modernisiert. Infrastruktur, Energieversorgung und Betrieb werden damit als integriertes Gesamtsystem weiterentwickelt.

Entscheidungsfaktoren

  • Erhalt der bestehenden Infrastruktur
  • Dekarbonisierung des öffentlichen Verkehrs
  • Lebenszykluskosten
  • Nutzung vorhandener Unterwerke
  • Energieeffizienz durch Rekuperation
  • Kleinere Batterien
  • Flexible Linienführung
  • Resilienz
  • EU-Förderung
  • Langfristige Mobilitätsstrategie

 

Zeitleiste

1981 – Eröffnung des Trolleybusnetzes
2022 – Analyse Elektrifizierungsoptionen
2023 – Vergleich Batteriebus und IMC
2024 – Politische Entscheidung
2025 – Ausschreibung und Vergabe
2025–2026 – Modernisierung Infrastruktur
ab 2026 – Lieferung neuer IMC-Fahrzeuge

Die Umsetzung

Tallinn modernisiert sein elektrisches Bussystem als Gesamtprojekt aus Fahrzeugen, Infrastruktur und Energieversorgung. Im Mittelpunkt steht die Beschaffung von 40 neuen IMC-Trolleybussen18 Solofahrzeuge und 22 Gelenkfahrzeuge –, die den überwiegenden Teil ihrer Energie während der Fahrt aus der Oberleitung beziehen und ihre Batterien kontinuierlich nachladen. Dadurch können auch längere oberleitungsfreie Strecken ohne zusätzliche Schnellladeinfrastruktur bedient werden.

Parallel zur Fahrzeugbeschaffung werden Oberleitungen, Unterwerke, Schaltanlagen und Werkstätten erneuert. Die Modernisierung erhöht die Betriebssicherheit, verbessert die Energieeffizienz und schafft die Voraussetzungen für den langfristigen Betrieb der neuen Fahrzeuggeneration. Gleichzeitig werden Werkstattpersonal und Fahrpersonal auf den Umgang mit Hochvolt- und Batteriesystemen vorbereitet.

Auch die Betriebsplanung wird angepasst. Ziel ist es, möglichst viele Strecken unter Fahrleitung zu bedienen und den Batteriebetrieb gezielt dort einzusetzen, wo eine Oberleitung wirtschaftlich oder städtebaulich nicht sinnvoll ist. Dadurch lassen sich neue Wohn- und Entwicklungsgebiete schrittweise in das emissionsfreie Bussystem integrieren, ohne den vollständigen Ausbau der Fahrleitungsinfrastruktur vorwegzunehmen.

Technische und betriebliche Überlegungen

Das IMC-System verbindet die Vorteile klassischer Trolleybusse mit batterieelektrischer Flexibilität. Fahrzeuge laden während der Fahrt kontinuierlich ihre Batterien, wodurch kleinere Batterien ausreichen und Schnellladeinfrastruktur weitgehend entfällt. Rekuperation verbessert zusätzlich die Energieeffizienz.

Energie, Smart Grid & Infrastruktur

Die Modernisierung umfasst Oberleitungen, Unterwerke und digitale Steuerungstechnik. Rekuperation sowie intelligentes Lastmanagement schaffen Voraussetzungen für Smart-Grid-Anwendungen und die stärkere Einbindung erneuerbarer Energien. Die bestehende Fahrleitungsinfrastruktur wird damit Teil einer resilienten städtischen Energieversorgung.

Ergebnisse und Nutzen 

Mit der Modernisierung stärkt Tallinn nicht nur seine Fahrzeugflotte, sondern entwickelt das bestehende elektrische Bussystem konsequent weiter. Die Entscheidung ermöglicht es, vorhandene Oberleitungen und Unterwerke langfristig zu nutzen und gleichzeitig die Flexibilität batterieelektrischer Fahrzeuge einzusetzen. Dadurch bleiben frühere Infrastrukturinvestitionen erhalten und können schrittweise modernisiert werden.

Das IMC-Konzept reduziert den Bedarf an großen Fahrzeugbatterien sowie zusätzlicher Ladeinfrastruktur und verbessert gleichzeitig die Energieeffizienz durch kontinuierliche Stromversorgung und Rekuperation. Neue Stadtentwicklungsgebiete können ohne sofortigen Ausbau der Fahrleitungsanlage erschlossen werden, wodurch Investitionen besser an die tatsächliche Nachfrage angepasst werden können.

Tallinn zeigt damit, dass die Modernisierung bestehender Trolleybussysteme eine wirtschaftliche und zukunftsfähige Alternative zum vollständigen Ersatz durch reine Batteriebusse sein kann. Der City Case verdeutlicht, dass erfolgreiche Elektrifizierungsstrategien auf einer integrierten Betrachtung von Infrastruktur, Energieversorgung, Betrieb und Stadtentwicklung beruhen.

Erkenntnisse für andere Städte

  • Infrastruktur als Vermögenswert erhalten
  • Lebenszykluskosten bewerten
  • IMC verbindet Effizienz und Flexibilität
  • Energie und Mobilität gemeinsam planen
  • Schrittweise Netzerweiterung
  • Smart-Grid-Potenziale nutzen